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Archiv der ‘Trauriges’ Kategorie

Herr Leopold…

Friday, December 30th, 2011

Herr Leopold
(Foto: © Veniamin Kostitsin-Teterin)

Leopold Hawelka ist gestern, am 29. Dezember 2011 im Alter von 100 Jahren gestorben. Im April war noch die große 100er-Feier, die unter großem Medienandrang stattfand, allerdings leider ohne ihn… Er wird mir sehr fehlen, immerhin war er bis vor Kurzem noch fast jeden Vormittag im Kaffeehaus. Als ich nach Wien kam war er dabei noch sehr aktiv: hat Gästen einen Platz zugewiesen, vorn am Eingang gesessen und alle begrüßt. Seine Frau habe ich leider schon nicht mehr kennenlernen dürfen, aber ich glaube, sie trinken jetzt wieder gemeinsam Kaffee… Auf Herrn Leopold.

Die Welt ist wieder ärmer geworden.

Tuesday, August 23rd, 2011

Loriot
Loriot ist von uns gegangen – einer der ganz Großen ist tot. Wie wurde es so schön gesagt: meine innere Flagge steht auf Halbmast.

Als ich ganz klein war, musste ich natürlich früh im Bett sein – aber zu “Wum und Wendelin” (Zeichentrickteil bei Wim Thoelkes “Der große Preis”) durfte ich immer noch einmal aufstehen. Später sah ich mit voller Begeisterung die Filme und Sketche und habe auch Bücher mit Zeichnungen von Loriot. Familie Hoppenstedt hat seit Jahren fast jedes Weihnachtsfest bei uns begleitet und das Jodeldiplom ist einer der wunderbarsten Beiträge zur Emanzipation der Frau im Allgemeinen wie im Speziellen. ;) “Dö dudl dö ist zweites Futur bei Sonnenaufgang!”

Unerreicht auch die Melusine: “Krawehl, Krawehl!”

Loriot, Du wirst mir fehlen.

Hoppenstedt
Ortsschild Hoppenstedt – selbst fotografiert bei der Durchfahrt im Mai 2011 ;) Ganz in der Nähe hat Vicco von Bülow aka Loriot viel Zeit während seiner Kindheit verbracht.

Oh, vielgerühmtes Österreich…

Thursday, July 14th, 2011

… wo sind Deine Literaturwissenschaftler, wenn Du sie brauchst in der Stunde höchster Not (oder auch: in diesem Sommerloch)?

Wie derstandard.at gestern berichtete, soll die österreichische Nationalhymne geändert werden, namentlich eine Zeile der ersten Strophe, die da bisher heißt “Heimat bist Du großer Söhne”.

Flagge.jpg

1.
Land der Berge, Land am Strome,
Land der Äcker, Land der Dome,
Land der Hämmer, zukunftsreich!
Heimat bist du großer Söhne,
Volk, begnadet für das Schöne,
|: vielgerühmtes Österreich, :|

2.
Heiß umfehdet, wild umstritten,
liegst dem Erdteil du inmitten,
einem starken Herzen gleich.
Hast seit frühen Ahnentagen
hoher Sendung Last getragen,
|: vielgeprüftes Österreich, :|

3.
Mutig in die neuen Zeiten,
frei und gläubig sieh uns schreiten,
arbeitsfroh und hoffnungsreich.
Einig lass in Brüderchören,
Vaterland, dir Treue schwören,
|: vielgeliebtes Österreich, :|

Die literarisch wertvolle und, wie man als humanistisch gebildeter Mensch meinen möchte, allgemeinverständliche Aussage, dass Österreichs Sprösslige herausragende Menschen seien. Die Änderung soll nun folgende Zeile daraus machen: “Heimat bist Du großer Töchter, Söhne”. Diese Änderung wirft nun aber eine Reihe an Fragen auf; sowohl konkreter literarischer als auch zukunftsweisender Fragen, letztere betreffend zum Einen das Bildungssystem und zum anderen die politische Vorgangsweise bei Nichteinhalten der hymnischen Axiome.

1. Offenbar wird von der traditionellen literarischen Lesart abgesehen zugunsten einer dezidiert wörtlichen Leseweise. Dies ist das primäre literaturwssenschaftliche Problem der anstehenden Änderung, denn dieser Wandel der Lesart eröffnet die ganz banale Frage, ab wann Menschen als “groß” gelten? Reichen 1,70m schon aus? Und was ist mit allen, die kleiner sind, vor allem die kleinwüchsigen Menschen? Sind diese nicht in Österreich heimisch?

2. Wenn man bedenkt, dass viele von uns in Kindertagen zumindest für eine Weile dachten (und sogar manche Erwachsene noch immer denken), dass Gottes Sohn “Owi” heißt (dank des Weihnachtsliedes “Stille Nacht” und der darin vorkommenden Zeile “Gottes Sohn, oh, wie lacht”), kann man davon ausgehen, dass Österreich zukünftig im Volksgedanken Heimat großer ‘Töchtersöhne’ sein wird. Diese sind dann allerdings nicht nur wieder naturgemäß ausschließlich männlich, sondern zudem auch noch welche, die dezidiert eine Mutter haben. Was aber ist mit Waisenkindern? Und – beim Fortschritt medizinischer Technik nicht zu vergessen – mit Kindern aus In Vitro Fertilisation und Klonen? Wird die Hymne in 20 Jahren wieder geändert? Und wenn ja auf was? Auf “Heimat großer Berechtigter für Menschenrechte”? Nach den Menschenrechtsdebatten der letzten Jahre müssten an dieser Stelle am Ende noch Primaten dazugezählt werden, wohingegen Menschen im Koma an dieser Stelle ausgeklammert werden könnten, was die Sache aber wohl unnötig verkompliziert. Dafür sind allerdings tatsächlich die (evtl. adoptierten) männlichen Kinder homosexueller männlicher Paare betroffen und offenbar keine in Österreich heimische “Spezies”. Mädchen stehen dann wieder gar nicht zur Debatte, egal in welchem körperlichen oder geistigen Zustand.

3. (Achtung, satirische Frage:) Wenn wir schon dabei sind, verschiedenste Gesinnungen und körperliche Verfassungen mit einzubeziehen, fehlt dann nicht noch irgendwo ein “Innen” mit einem Unterstrich abgesetzt, der Platz macht für wirklich alle Unentschlossenen und Menschen, die sich aus verschiedensten psychologischen und physioloischen Gründen keiner Geschlechtlichkeit zugehörig fühlen? Da kann es auch gleich noch “Töchter_Innen, Söhn_Innen” heißen, das ist dann jetzt auch schon wurscht.

4. Wird die humanistische und literarische Bildung der österreichischen Sprösslinge in Zukunft völlig eingestellt werden, dass es notwendig sein wird, alles wörtlich auszudrücken weil Sprachbilder aller Art nicht mehr verstanden werden können? Werden in dem Zuge dann die “Klassiker” allesamt neu überarbeitet und metapherbefreit herausgegeben oder wird das Lesen klassischer Literatur ebenfalls einfach eingestellt werden, wenn den Bürgern des Landes schon nicht zugetraut wird, ihre eigene Hymne zu verstehen und sich damit zu identifizieren?

5. Wird etwa hier nur das “Bild” geändert um den Kindern auch in Zukunft nicht beiberingen zu müssen, dass Buben und Mädchen gleich viel wert sind und beide jeweils später alles werden dürfen, was sie wollen und was ihnen liegt? Lieber ein paar wörtliche Töchter extra aufführen als den realen Töchtern klarzumachen, dass sie (ebenfalls) zu herausragenden Sprösslingen gereichen?

6. Wird die Regierung vielleicht – einem kleingewachsenen Österreicher folgend – eventuell gar alle Kleinwüchsigen, Waisenkinder, Transsexuellen und alle, die sonst ebenfalls nicht ins neue hymnische Bild passen deportieren lassen?

7. Dass die “Brüderchöre” der letzten Strophe nicht geändert werden, heißt offenbar, dass die Frauen noch immer nicht mitsingen dürfen oder zumindest dem “Vater”land nicht die Treue schwören müssen, auch wenn zumindest die Töchter jetzt schon in der Hymne “kommen dürfen” – an dieser Stelle eine nachträgliche Frage an derstandard.at: Ist die Überschrift “Töchter kommen in Hymne” nicht irgendwie pornographisch auslegbar und warum dürfen die Söhne dabei keinen Spaß haben? Für Transsexuelle und Hymnenfetischisten ist Platz aber Geschwisterliebe noch immer verboten? Für einen Artikel vor der Hymne wäre doch wirklich noch Platz gewesen.

Totensonntag. Nur früher.

Friday, October 23rd, 2009

Tja, vor spontanen Enden ist wohl niemand sicher. Diesmal: Wohin in Wien. Schade. Sehr, sehr schade.

Mag jemand anderes meine Kaffeehausg’schichtln veöffentlichen???

Goodbye Bookshop

Saturday, March 1st, 2008

British Bookshop
Ein Nachruf auf ein Buchgeschäft ist zwar selten, aber dennoch…
Heute um 18:00 haben wir den British Bookshop auf der Wiener Mariahilferstraße nach sieben Jahren zum letzten Mal für die Kunden geschlossen. Es war verdammt schwer, fast die ganze (zum Teil ehemalige) Belegschaft war da um “goodbye” zu sagen. Mit nur sieben Monaten war ich eine von den zwei “jüngsten” Mitgliedern, doch auch mich nimmt die Sache sehr mit – ganz zu schweigen von jenen, die 5, 8 oder gar 19 Jahre im Betrieb gearbeitet haben…
Ich hoffe – und vermutlich spreche ich da für viele – dass das Management noch zur Besinnung kommt und wenigstens den British Bookshop im 1. Bezirk überleben lässt. Dort kommen nämlich die verbliebenen Bücher und Angestellten vorerst hin. Vor allem aber gäbe es in Wien sonst nur mehr ein einziges Geschäft, wo Schüler, Lehrer und Studenten englischsprachige (Speziel-) Lektüre erwerben können. – Apropos erwerben: Falls jemand einen MG oder einen alten Daimler braucht, die bietet die Geschäftsführung derzeit günstig an…
Wie wurde heute am Abend so schön gesagt: “Ich bin froh, dass der alte Herr Prachner – und Onkel des jetzigen Besitzers – DAS nicht mehr erleben muss!”

Kaffeehausgeschichten – Teil I

Friday, November 16th, 2007

Bislang habe ich im Kaffeehaus die interessantesten Menschen kennengelernt. Ein wahres Original war Roland Starrach. Ein lebenslustiger, gebildeter Mann in den besten Jahren, mit dem ich viele späte Stunden diskutierend im Hawelka oder auf einem unserer Ausflüge und dann meist beim Heurigen erleben durfte. Ein evangelischer Burschenschaftler, seinerzeit Amtsdirektor des Heeresgeschichtlichen Museums hier in Wien und der einzige Mensch, der meinen Vater, einen begeisterten Museumsgänger, bei einem Museumstag wirklich “geschafft” hat. *g* Roland hatte eine Menge Freunde und Bekannte. Am besten in Erinnerung ist mir “Professor” Gunther Martin, ein resoluter älterer Herr, mit dem Roland so manches Wortgefecht gefochten hat und beide – vor allem in Heeresgeschichte – enorm gebildet und Hundefanatiker. Selbst dem kleinsten Hund machten sie auf dem Gehsteig Platz mit einem Augenzwinkern und dem Spruch: “Vorsicht, stammt vom Wolf ab!” So mancher Tagesausflug führte uns drei zu einer spannenden Kirche, wo die beiden dann ausdiskutieren mussten, wann sie denn nun wirklich gebaut worden war, oder wer dieses oder jenes Detail gespendet hatte… Roland kam auch einmal zu meiner Geburtstagsparty, wie immer im Jacket und brachte Blumen mit – Stil und Etikette! Zwischen all den Studenten, die da am Boden saßen, etc. eine kuriose Erscheinung. Allerdings vielfach in angeregten Gesprächen vertieft. Er rauchte Pfeife, war galant und fuhr Auto wie der letzte Henker. Ich hatte ihm versprochen, sobald ich hier in der Nähe von Wien einen Bogenplatz finde, nehme ich ihn zum Schießen mit. Ein Versprechen, das nun uneingelöst bleiben muss. Leider ist Roland im Sommer diesen Jahres gestorben. Krebs und viele Aufenthalte im Spital. Zuletzt habe ich ihn auch gar nicht mehr gesehen, habe erst später von seinem Tod erfahren. Nun werden wir nicht mehr bis morgens um vier im Hawelka sitzten und mein Bogen steht auch noch immer verpackt in der Ecke, da ich im Sommer zuwenig Zeit hatte – oder mir keine nehmen wollte – , einen netten Verein mit schönem Platz zu finden… Ein kleines Wort mag ich allerdings in die Welt senden, vielleicht kommt es ja bei ihm an…
“Lieber Roland, es tut mir so leid, dass wir nie gemeinsam beim Bogenschießen waren. Ich hatte es versprochen und kann es nun nicht mehr einlösen. Dabei hast Du mich so oft mit auf Ausflüge genommen… Ich danke Dir von ganzem Herzen, dass Du mein Leben durch Deine Freundschaft so bereichert hast. Ich hoffe, Du hast nicht leiden müssen und bist jetzt an einem Stammgasttisch im himmlischen Hawelka. Der nächste Pfeil fliegt nur für Dich! – Bis wir uns wiedersehen…”